Politik

Der intellektuelle Charme des Schwarms

Zur Zeit wird viel über Basisdemokratie gesprochen. Und über die wachsende Zerstörung unserer sozialen und physischen Umwelt. Natürlich hängen beide Themen zusammen. Unsere Welt hat eine Komplexität erreicht, die den Einzelnen zunehmend überfordert. In der Folge fühlt er sich durch die für ihn unnachvollziehbaren Entscheidungen der Politik nicht mehr repräsentiert und ruft nach Volksabstimmungen. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach vermeintlich einfachen Lösungen, die immer häufiger in verschwörungstheoretischen und rechtsnationalen Glaubenssätzen gesucht werden.
Derartige Ansätze sind wenig hilfreich und mehr noch: vollkommen kontraproduktiv. Aber auch unser aktuelles (politische) System scheint überfordert und unfähig, auf die anstehenden Probleme angemessen und nachhaltig zu reagieren. Schwarmintelligenz könnte möglicherweise bessere Antworten auf aktuelle und zukünftige Fragestellungen liefern.

Bei Licht betrachtet ist so eine einzelne Ameise doch ein Zeitgenosse mit eher vernachlässigbaren intellektuellen Fähigkeiten. Umso erstaunlicher, was diese 140 Millionen Jahre alte Spezies in Gemeinschaftsleistung als GmbH und Co. KG auf die Beine stellt. Das Portfolio reicht von der Anlage effektiver Straßen über den Bau klimatisierter Nester bis hin zur Organisation gemeinschaftlicher Raubzüge. Das scheinbar planvolle Vorgehen und die Effektivität der Aktionen haben zweifelsohne Züge intelligenten Handelns.

Oder Wikipedia. Binnen kürzester Zeit erschafft die vernetzte Kompetenz zahlloser Mikro­experten ein Lexikon, das die Koryphäen traditioneller Enzyklopädien ziemlich alt aussehen lässt. Zumindest kam das Recherche-Institut „Wissenschaftlicher Informationsdienst Köln“ in einer 2007 im Auftrag des „Sterns“ durchgeführten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Wikipedia die renommierte Brockhaus-Enzyklopädie um Längen schlägt. Auch hier zeigt sich wieder, dass mutmaßliche Schwarmintelligenz selbst genialen Einzelkämpfern oder geschlossenen Expertengruppen überlegen ist – wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Intelligenz reden will.

Was heißt schon Intelligenz?

Tatsächlich stellt sich die Frage, was unter Intelligenz überhaupt zu verstehen ist. Denn eine allgemein anerkannte Definition ist bislang noch nicht in Sicht. Vielmehr gibt es unterschiedliche Intelligenztheorien beziehungsweise Intelligenzmodelle, die versuchen, das Wesen von Intelligenz zu beschreiben.
Genau genommen geht es immer nur darum, Grade der Intelligenz zu quantifizieren. Denn im Prinzip ist jedes System, das Informationen aufnehmen, durch Verknüpfung mit bereits gespeicherten Informationen verarbeiten und auf diese Weise eine spezifische Reaktion abseits eines linearen Reiz-Reaktion-Schemas generieren kann, ein intelligentes System (siehe Grafik).

Schema für ein intelligentes System
Schema eines intelligenten Systems. Zentraler Bestandteil ist der Prozessor, der die externen Signale mit gespeicherten Informationen variabel verknüpft. Starke Signale (Gefahr in Verzug) können einen Schalter umlegen, der den Prozessor ausschaltet und fest­gelegte Betriebssystem-Aktionen an den Ausgang weiterleitet.

Welchen Grad der Intelligenz es erreichen kann, hängt in erster Linie von der Komplexität und Organisation der Verknüpfungsstränge im Prozessor ab. Weitere Einflussfaktoren sind die Anzahl und die Differenziertheit der Sensoren sowie die Verarbeitungsgeschwindigkeit.
Legt man die soeben genannte Definition zugrunde, wird man zu dem Schluss gelangen, dass Intelligenz keinesfalls nur ein Privileg von Primaten ist. Nahezu alle Lebewesen sind mit Intelligenz ausgestattet – allerdings in höchst unterschiedlichem Ausmaß. Und gleiches gilt für prozessorgesteuerte technische Systeme. Der Aufbau eines Computers entspricht ja beinahe exakt dem abgebildeten Schema eines intelligenten Systems. Und wenn man an die Leistungen von Schachcomputern, Routenplanern oder Game-Engines – die ja auch als „Künstliche Intelligenz“ bezeichnet werden – etc. denkt, ist dieser Gedanke keineswegs so abwegig, wie er zunächst erscheint.

Schwarmintelligenz als evolutionärer Imperativ

Zurück zur Intelligenz der Lebewesen. Die evolutionäre Implementierung und Fortentwicklung der Intelligenz hat zunächst eine Hauptursache: die Spezies erhöht durch sie ihre Überlebensfähigkeit. Dabei verhelfen intelligente Reflexionen nicht nur in konkreten Situationen zu  überlegenen Reaktionen, sondern verbessern auch die allgemeine Anpassung an die sich immer schneller verändernde Umwelt beziehungsweise machen eine Anpassung überhaupt erst möglich. Seit Menschen massiv in die Natur eingreifen und damit eine immer dynamischere Veränderung der Umwelt und des sozialen Gefüges auslösen, kommt die auf lange Zeiträume ausgerichtete biologische Anpassung nicht mehr mit. Das hat zur Folge, dass unser Körper uns immer noch im Urwald mit feindlichen Säbelzahntigern wähnt und bei Angriffssignalen entsprechende physiologische Aktivitäten in Gang setzt. In der modernen Welt identifiziert der Mensch aber Signale als Angriff, die keineswegs erhöhte physiologische Kampfbereitschaft oder ein Körperdoping für eine schnelle Flucht erfordern.
Viele psychische Erkrankungen beruhen übrigens auf dieser Diskrepanz zwischen archetypischen Betriebssystem-Aktionen und tatsächlich erforderlichen Reaktionen. Im allgemeinen können wir Menschen jedoch durch intelligente Reflexion das fest verdrahtete Reaktionsschema in unserem Stammhirn überschreiben. Man könnte auch sagen, dass die Intelligenz uns in die Lage versetzt, uns praktisch softwaremäßig an die sich immer schneller verändernde Umwelt anzupassen, während die Anpassung über Hardware (Biologie) innerhalb der kurzen Zeiträume unmöglich ist.

Spinnt man diesen Gedanken weiter, drängt sich die Frage auf, wie die Überlebensfähigkeit der Spezies Mensch in nicht allzuferner Zukunft gesichert werden kann. Schon heute mehren sich die Zeichen, dass die Komplexität der physischen und sozialen Umwelt aufgrund der menschlichen Einflussnahme ein solches Ausmaß angenommen hat, dass die individuelle Intelligenz für eine optimale Anpassung und Bewältigung der anstehenden Probleme nicht mehr ausreicht. Es liegt auf der Hand, dass dafür eine umfassende Vernetzung von Intelligenz stattfinden muss. Schwarmintelligenz eben. Vor diesem Hintergrund erscheint die Implementierung von Schwarmintelligenz in politische Entscheidungs­systeme geradezu als ein evolutionärer Imperativ.

Wobei Schwarmintelligenz keinesfalls mit der Gemeinschaftsleistung einer begrenzten (Experten-)Gruppe oder eines „Think Tanks“ verwechselt werden darf. Geschlossene Gruppen  haben das Problem, dass durch gruppendynamische Mechanismen wie etwa das sogenannte „Group Thinking“ Prozessverluste auftreten, die häufig zu minderwertigem Output führen.
Schwarmintelligenz, die diesen Namen auch verdient, setzt demnach immer ein absolut offenes System voraus, ein System, in das jedermann ohne subjektive Vorselektion Input liefern kann.

Auch Schwarmintelligenz hat einen IQ

Die Frage ist nur: Input wo rein? Oder anders gefragt: Wie können sich intelligente Einzelsysteme zu einer Superintelligenz verbinden? Sicher gibt es hierfür unterschiedliche Modelle und Möglichkeiten – abhängig vor allem von der Ausprägung und Anlage der Subsysteme. Bei Ameisen ist kollektive Intelligenz beispielsweise von Anfang an vorgesehen und funktioniert daher ohne eine zentrale Koordinationsstelle.
Die menschliche Intelligenz dagegen ist als autarkes System angelegt, so dass es zur Vernetzung eines zentralen, von Menschen erdachten und realisierten „Hypersystems“ bedarf. Letzteres ist im Prinzip auch nichts anderes als wiederum ein intelligentes System, über dessen „Eingangssensoren“ die Outputs einer beliebigen Anzahl von individuellen Intelligenz­systemen angeschlossen sind. Das Hypersystem übernimmt die Aufgabe eines Prozessors für die Informationen der konnektierten intelligenten Subsysteme. Seine Infrastruktur ist demnach maßgebend für den „IQ“ der Schwarmintelligenz.

Anatomie eines Hypersystems

Eine gutes Beispiel für den Aufbau eines solchen Hypersystems bietet Wikipedia. Hier besteht  die Infrastruktur aus einem umfangreichen Regelwerk (allein im deutschen Autorenportal gibt es 21.112 Wikiartikel), einer gewaltigen Software- und Hardwarelandschaft (MediaWiki, Toolserver mit webbasierten Hilfsprogrammen, Bots, Serversystemen, Datenbanken) und entsprechenden Kommunikationsstrukturen und Institutionen (Diskussionsseiten, Mailinglisten, Chats, Ticketsysteme, Hotlines, Konferenzen, Firmen).
Für die Vernetzung menschlicher Intelligenz zur Optimierung politischer Entscheidungen wird das noch zu wenig sein. Einen vielversprechenden Ansatz zur Entwicklung eines komplexen Hypersystems beschreibt Claus Kedziora (Connector66) in seinem Visionspapier „Virtuelle Demokratie – Funktionales Arbeiten und Funktionale Systeme“, von dem er hier  einen „Teaser“ veröffentlicht hat. Claus Kedziora entwickelt seinen Ansatz aus systemtheoretischen Untersuchungen zum Informationsmanagement und zu Entscheidungsprozessen in  großen Organisationen.

Schwarmintelligenz oder Schwarmdummheit?

Wie weiter oben bereits ausgeführt, ist das Design und die Ausführung des Hypersystems entscheidend für die Qualität und Effektivität der Schwarm­intelligenz. Andere Wirkfaktoren sind die intellektuelle Leistungsfähigkeit der angeschlossenen Subsysteme, und – bei menschlichen Input-Gebern nicht zu unterschätzen – deren emotionale und motivationale Konstitution. Wenn Menschen bei Entscheidungsfindungen zusammenwirken, so stellen sich, wie uns die Geschichte schmerzhaft lehrt, nicht automatisch (schwarm-)intelligente Lösungen ein. Das Gegenteil ist bisweilen der Fall – selbst bei Beteiligung von Menschen mit ausgewiesener Kompetenz. Phänomene von Schwarmdummheit werden in der Wissenschaft unter dem Begriff des Gruppendenkens (groupthink) untersucht; häufig zitierte Beispiele sind die Schweinebucht-Invasion Kennedys oder die Entscheidung des amerikanischen Kongresses zum zweiten Irakkrieg 2003. Gruppendenken entsteht, wenn sich Mitglieder in einer kohäsiven Gruppe der vermuteten Gruppenmeinung unkritisch anschließen und das Streben nach Einmütigkeit derart dominant wird, dass „störende“ Einflüsse, wie andersartige Einschätzungen, Einwände oder Zweifel, ausgeblendet werden.

Schwarmintelligenz als Herausforderung

Um die Potentiale eines Schwarms voll auszuschöpfen, bedarf es nach dem Gesagten eines Regelwerks, das die Modalitäten des Inputs wie auch die weitere Verarbeitung der eingespeisten Informationen im Hypersystem steuert. Zwei wesentliche Bedingungen, die Offenheit und Transparenz des Systems, wurden bereits an früherer Stelle genannt. Weitere Einflussgrößen sind beispielsweise die Qualität des Inputs (die mit dem Bildungsniveau der Beteiligten korreliert), die Bandbreite der erhobenen Informationen (durch anonyme oder voneinander unabhängige Ideensammlungen) sowie die faire Beachtung und Diskussion jedes einzelnen Beitrags.

Gefragt ist demnach ein Algorithmus, der die Vernetzung von Kompetenz steuert, der neutral und vollkommen offen ist, dabei aber größtmögliche Effizienz bietet. Vor allem aber muss er immun gegenüber Manipulation durch geschlossene Interessensgruppen sein. Aus heutiger Sicht entspricht diesen Anforderungen am ehesten eine Realisierung als OpenSource-Software und die Vernetzung über das Internet.

Die Software selbst hätte die Aufgabe, für jede Problemstellung die (weltweite) Fachkompetenz zu verknüpfen, indem sie gezielt Menschen mit entsprechendem Forschungs- bzw. Interessensschwerpunkt anspricht. Vorstellbar wäre in etwa ein Algorithmus wie ihn Google für die gezielte Einblendung von Werbung oder beispielsweise Streamingdienste für individuelle Musikempfehlung für ihre Nutzer verwendet. In jedem Falle müssten in solch einem Algorithmus zusätzlich Alternativpfade implementiert sein, um das System vor Rückkopplungseffekten zu schützen, die zu einer Verselbständigung bzw. Abkopplung der „Kompetenzkreise“ führen kann.

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